Zu den Arbeiten von Volker Beindorf

Volker Beindorfs Arbeiten sind stille Betrachtungen. Es sind keine Motive, die man auf den ersten Blick als spektakulär empfindet, die vielmehr in Ruhe verharren und sich selbst genügen. Es sind verwitterte alte Türen, kaum durchsichtige, blinde  Fenster, zarte Pflanzen und bestimmte Materialstrukturen wie die feine Maserung des Holzes, die seine Blicke auf sich ziehen und die er in der Drucktechnik der Radierung umsetzt. Man kann dabei von Originalen sprechen, da er meist nur bis zu fünf Abzügen pro Platte herstellt. 

Volker Beindorf findet seine Motive auf ausgedehnten Spaziergängen, die er mit der Kamera in die Natur oder abgeschiedene Gegenden unternimmt. Es scheint so, als gerate ihm gerade das Abseitsliegende und Ausrangierte am Wegesrand mehr oder weniger beiläufig in den Blickwinkel. Mit der Kamera fängt er zunächst das Gefundene ein. Dabei betrachtet er das entstehende Foto nicht einfach nur als Notiz, sondern als eigenständige künstlerische Arbeit, bei der er bereits auf die Komposition achtet. Nur in seltenen Fällen arbeitet er direkt vor Ort auf die präparierte Kupferplatte.

Die eigentliche Arbeit beginnt im Atelier mit der Transformation des Fotos in das Medium der Zeichnung. Dabei muss das Motiv nicht nur wegen des späteren Druckvorgangs spiegelverkehrt gedacht werden, sondern wird auch laufend verändert, auch dann noch, wenn die fertige Zeichnung mit der Radiernadel auf die Kupferplatte übertragen wird. Dabei gilt es von einem Medium in das andere zu übersetzen, d.h. auch für die auf dem Fotopapier abgebildeten Lichtwerte, aus denen das fotographische Bild besteht, adäquate Techniken innerhalb der vielfältigen Möglichkeiten der Radierung zu wählen. Nicht alles lässt sich einfach in das lineare System der Graphik übertragen und kann mit der Nadel geritzt werden. Sollen etwa flächige Partien entstehen, so greift Volker Beindorf zur Aquatinta-Technik, bei der die Druckplatte mit einem sehr feinen unregelmäßigen Punktraster versehen und dann je nach gewünschtem Grauwert unterschiedlich lange geätzt wird. Im gedruckten Resultat zeigen sich dann sehr fein strukturierte Flächen im gesamten Spektrum vom hellsten Grau bis zum tiefsten Schwarz. Das Radieren ist ein langsamer, penibler Arbeitsvorgang, der sich ebenso still und konzentriert vollzieht, wie sich die Motive in ihrem ruhigen, unspektakulären Modus präsentieren.

Fenster und Türen sind kunsthistorisch betrachtet nicht nur Metaphern für das Bild selbst, sondern auch immer Symbol eines dahinter verborgenen Geheimnisses, gerade dann, wenn sie verschlossen sind. Sind sie bisweilen bei Volker Beindorf angelehnt oder nur einen Spalt geöffnet, dann spielt das Motiv des Aufbruchs in unbestimmte Gefilde mit hinein. Der Betrachter wird aufgefordert, die Tür gedanklich aufzustoßen und einzutreten. Doch noch ist der Durchgang und damit auch das Dahinterliegende versperrt. Der Blick konzentriert sich auf die Barriere, auf die Membran, die z.B. als massive Holztüren dem Betrachter bildfüllend entgegentreten. Maserung und der durch eiserne Nägel gesicherte Verbund des Materials sind in ihrer sinnlichen, strukturhaften Erscheinung sehr genau verzeichnet. In weiteren Bildreihen nähert er sich im Modus des Zoomens und des Ausschnitts erneut dem Material Holz, hier aber ist es mehr das unbearbeitete oder zumindest nicht mehr in einem direkten nachvollziehbaren architektonischen Zusammenhang stehende Naturmaterial selbst. Die graphische Struktur wird zum Äquivalent für Maserung, Rinde oder verkokelte Holzpartie, verrostete Nagelköpfe setzen manchmal als dunkle sporadische Punkte rhythmische Akzente. In letzter Konsequenz entsteht nahezu Abstraktes, bei dem ein Ursprung in der Natur kaum noch nachvollziehbar ist. Es eröffnen sich andere Assoziationen, die nicht selten ins Landschaftliche treiben. Es ist, als ob sich Volker Beindorf in das Material Holz versenkt, um es letztlich doch in der Auflösung zu durchdringen.

Analog zu der Auflösung des Stofflichen, die Volker Beindorf hier symbolisch vollzieht, interessiert ihn auch der natürliche Verfall vegetabiler Stoffe, sei es durch Abnutzung oder natürliche Verrottung und Zersetzung. So hat er nicht nur Holz, sondern auch Blüten in ihren verschiedenen Stadien des Vergehens porträtiert. Es rollen sich hauchzarte, fast durchscheinende Blütenblätter des Mohns zusammen, verlieren im Zerknittern an Elastizität und Beständigkeit. Mal umfängt eine einfache Umrisslinie das Gebilde, dann wieder entstehen Linien erst durch das Aufeinandertreffen von Flächen. Das fein austarierte Spiel von Licht und Schatten verleiht den Blütenkelchen darüberhinaus Plastizität. Eine Rose bleibt dagegen scheinbar kompakte Knospe, ist aber im frühen Stadium ihres Scheiterns vor dem Blühen eingefangen. Obwohl Mohn und Rose doch eben noch den heimischen Schreibtisch schmückten, schwingt in diesen fragilen Blumen-Portraits etwas von dem an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnenden „Vanitas“-Gedanken barocker Stillleben mit.

Einen zunächst gegensätzlich erscheinenden, vielleicht aber doch eher ergänzenden Ansatz verfolgt Volker Beindorf bei einer nach dem Collageprinzip gestalteten Radierungsserie. Hier zeigt sich ein erfindungsreicher Resteverwerter am Werk, der nach den Regeln der freien Assoziation Fragmente von Fotos oder Illustrationen kombiniert. Dabei bedient er sich der Fotogravüre, einer aus der klassischen Heliogravüre abgeleiteten fotomechanischen Drucktechnik, bei der die kollagierte Vorlage fotografisch auf die lichtempfindlich beschichtete Kupferplatte übertragen wird. Anstoß zu dieser Serie gab ein Fund ausgemusterter biologischer Lehrtafeln, bei denen Pflanzen sowohl als kompletter Organismus als auch in ihre vergrößerten Einzelteile zerlegt abgebildet wurden. Ausschnitte daraus formieren sich ergänzt durch zeichnerische Eingriffe zu einer neuen bildnerischen Einheit. Verfall und Zerstörung korrespondieren hier mit dem Zerschneiden und Teilen der Vorlage, aber diese Prozesse kehren sich in einen  Wachstumsprozess um, bei dem aus den Resten etwas Neues keimt. Was da entsteht referiert nicht auf den Kontext des naturalistischen Ausgangsmaterials, sondern entwickelt sich in neue formale Zusammenhänge, die ganz augenscheinlich im Surrealen ihre Wurzel haben. Volker Beindorf erprobt hier einen spielerischen, freieren Ansatz, der auch dem Zufall Raum gibt. Diesem Prinzip folgen auch die humorvoll irritierenden Titel, die den Blättern beigegeben sind.

© Jutta Saum M.A., April 2013

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